Über die Kunst des Erzählens

 

 
„Der Erzähler schreibt mit der Zunge, und die Luft ist sein Papier.“

Ben Haggarty, britischer Erzähler

Erzählen ist menschliche Ausdrucksweise und kulturübergreifende Kommunikationsform: Jeder kann es, jeder tut es. Doch wann wird Erzählen zur Kunst? Was hebt das alltägliche Erzählen ab von der künstlerischen Variante des Erzählens, die nicht einfach wiedergibt, sondern in einem kreativen Prozess Neues hervorbringt? Professionelle Erzähler lesen nicht vor oder rezitieren eine Geschichte, sondern sie hauchen ihr neues Leben ein, lassen sie vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen und wirken. Die Geschichte ist durch die intensive Auseinandersetzung mit ihr Teil des Erzählers selbst geworden: Erzähler und Geschichte verschmelzen zu einer Einheit, die den Zuhörer fasziniert und ihn Raum und Zeit für einen Moment vergessen lässt. Mimik und Gestik, Betonung und Stimmlage sind die Werkzeuge des Erzählers - die Zuhörerinnen und Zuhörer sind sein künstlerischer Gegenpart, mit dem zusammen er imaginäre Welten erschafft und menschliche Grundfragen exemplarisch an der jeweiligen Geschichte thematisiert.


Ein Blick zurück: Die Erzählkunst als Medium des Erinnerns

Die Erzählkunst hat eine lange kulturübergreifende Tradition und geht jeder auf Papier niedergeschriebenen Erzähltradition voraus: So alt wie die Menschheit, so alt ist ihr Bedürfnis, Geschichten zu teilen, weiterzugeben und so im kollektiven Gedächtnis zu bewahren. In den schriftlosen Kulturen war das Erzählen ein wichtiges Medium des Erinnerns bedeutender Ereignisse - mit der Einführung der Schrift wurden diese Erzählungen fixiert. Immer mehr gewannen neben der Schrift auch technische Medien wie Radio, Film und heute das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten an Bedeutung und haben das künstlerische Erzählen zunehmend zurückgedrängt.
Ist die Erzählkunst daher ein Relikt der Vergangenheit und nicht mehr zeitgemäß? Keineswegs.


Ein Blick nach vorn: Über die Renaissance der Erzählkunst

Seit einiger Zeit rückt die Erzählkunst mit ihren besonderen Merkmalen der Unmittelbarkeit und der Ausrichtung zum Dialog wieder ins Bewusstsein.
In einer Zeit, in der die modernen Kommunikationsmedien zunehmend den unmittelbaren Austausch zwischen den Menschen ersetzen, wächst das Bedürfnis nach persönlicher Kommunikation, nach direktem Kontakt. Die Erzählkunst knüpft hier an und gewinnt dadurch ihre Modernität. Indem der Erzähler seine Geschichte ohne ein weiteres Medium dazwischen mit den Zuhörern teilt, sie flexibel und situationsabhängig anpasst und kreativ modelliert, entsteht eine Art Performance, die das Publikum direkt miteinbezieht. Beim Erzählen entstehen durch Worte imaginäre Welten, die die Zuhörer gemeinsam mit dem Erzähler erforschen und erleben. Erzählkunst hinterlässt bleibende Eindrücke, weil sie die Fantasie anregt, Bilder vor dem inneren Auge entstehen lässt und weil sie den Zuhörer aus der Schnelllebigkeit des modernen Alltags in die entschleunigte Welt der Erzählung entführt.

 


Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen. Wir wollen in der Zeit zurück und vorwärts wandern, Vergangenheit und Gegenwart durchstreifen und manchmal Blicke in die Zukunft tun.

James Krüss, Sommer auf den Hummerklippen

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